Förderkreis Hasefriedhof - Johannisfriedhof e.V.

Berichte

Nachtführung, Prof. Milchert

02.11.2006, 20.00 Uhr

Die Ankündigung einer Nachtführung lockte eine ungewohnt große Zahl von Interessierten auf den Hasefriedhof. Etwa 30 Personen, ausgerüstet mit Taschenlampen, waren gespannt darauf, was Prof. Jürgen Milchert, Lehrkraft für Freiraumplanung und Gartenkunst an der Fachhochschule Osnabrück, zeigen wollte.

Dunkelheit auf einem Friedhof Anfang November - hier könnte man modisch-fröhliches Halloween-Gruseln erwarten. Stattdessen ließ Prof. Milchert die besondere Atmosphäre des nächtlichen Friedhofes erspüren, als einen Ort, der nächtlich durchaus Unbehagen bereiten kann, da er nicht wie in unseren dicht besiedelten Vierteln üblich hell erleuchtet ist, sondern dunkel bleibt. So wies Prof. Milchert darauf hin, daß diese Dunkelheit immer seltener und kostbarer wird, so selten daß Umweltschützer schon eine Dark Sky-Bewegung initiiert haben, um jene optische Umweltverschmutzung, die den ungetrübten Blick auf den Sternenhimmel verhindert, einzudämmen.

Bei der Führung wurde zunächst einmal auf das Licht der Taschenlampen verzichtet, denn der fast volle Mond schien immer wieder zwischen den Wolken hervor und die Augen gewöhnten sich schnell an das geringe Licht. Es zeigte sich, daß nicht nur das Sehen, sondern auch andere Sinne, vor allem das Hören in der Dunkelheit geschärft werden.

Anschließend bot Prof. Milchert eine Tour d'horizon über den kultischen Umgang mit den Verstorbenen bei verschiedenen Völkern. Bei allen Völkern ist der Ort der Toten und des Gedenkens an diese ein besonderer Ort gewesen. Dabei kann man einen Gegensatz zwischen westlichen Kulturen und den Kulturen Süd- und Ostasiens erkennen. Die monotheistischen Kulturen des Westens (Judentum, Christentum und Islam) besitzen alle Vorstellungen vom Paradies und einem Leben nach dem Tode. Beim Totengedenken wird die Individualität des Toten betont, was einen Ort für Grablege und Gedenken erfordert. Die asiatischen Kulturen betonen dagegen das Eingehen des Verstorbenen in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen in der Natur. So gilt zum Beispiel im Hinduismus als höchste Form des Umgangs mit den Überresten des Verstorbenen das Verstreuen seiner Asche in den heiligen Fluß Ganges.

Der Hasefriedhof ist durchaus in christlich geprägten Formen angelegt worden, auch wenn er nicht als kirchlicher Friedhof errichtet wurde. Erkennbar ist das an der symmetrischen Form der Wegekreuze in den älteren Abteilungen, die in der I. Abteilung durch das steinerne Hochkreuz auch in die Vertikale fortgeführt wird. Symmetrie ist ein Gestaltungsprinzip monotheistischer Religionen, während die asiatischen Kulturen eher organische, vegetabile, verschlungene Gestaltungen bevorzugen.

Schließlich streifte Prof. Milchert auch aktuelle Veränderungen unserer Friedhofskultur: Vermehrt werden Urnenbeisetzungen, auch in anonymisierter Form, gewählt. Infolgedessen sind die städtischen Friedhöfe zunehmend überdimensioniert. Auch absonderliche Beisetzungsformen entstehen, wie das Schießen der menschlichen Asche in den Weltraum oder das Einfrieren des Leichnams mit vertraglich zugesichertem Auftauen in einigen hundert Jahren.

Insgesamt erlebten die Beteiligten eine besondere Führung zu ungewöhnlicher Zeit an einem Ihnen sonst bekanntem Ort.

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1. Vorsitzender: Henning Sannemann
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49084 Osnabrück





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Aktualisiert am: 02.09.2009 um 11:56 Uhr
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