Förderkreis Hasefriedhof - Johannisfriedhof e.V.

Berichte

„Ein jeder Mensch muss sterben“ - Tod und Sterben im Mittelalter

„Wie stirbt ein Mensch im Mittelalter idealtypisch?“. Dieser Frage ging Dr. Hermann Queckenstedt vom Kulturforum Dom in seinem Vortrag am Sonntag, dem 6. November, ein wenig nach. Etwa 30 Gäste waren der Einladung des Förderkreises Hasefriedhof und Johannisfriedhof gefolgt und hatten sich in der Kapelle des Johannisfriedhofs eingefunden. Der Vortragende ist ein ausgewiesener Kenner der Materie und des Bistumsarchivs und hat bereits Literatur und Aufsätze zum Thema veröffentlicht.

Queckenstedt führte die Zuhörer dieser vorletzten Veranstaltung des Förderkreises anschaulich in die Gedankenwelt des Mittelalters ein, in der das Sterben noch öffentlich war und die Menschen sich sehr frühzeitig, sorgsam und bewusst auf das unbeeinflussbare Ende ihres Lebens vorbereiteten. In den vier beschriebenen Beispielen Osnabrücker Bürger und eines Bischofs wurde deutlich, wie gedanklich weit entfernt wir heute Lebenden von den Vorstellungen und Riten unserer Vorfahren sind. Die weitgehende Tabuisierung des Todes in unserem Alltag wäre den Menschen des Mittelalters undenkbar gewesen, während uns die Ausführungen aus alter Zeit teilweise als grotesk erscheinen.

Oder hätten Sie gedacht, dass beispielsweise ein ehrbarer Schmiedemeister und seine Frau schon vor ihrem Tode Seelenmessen lesen ließen, an denen sie selbst teilnahmen und den Mitteilnehmenden auch noch ein „Entgelt“ zahlten? Die Marschalks, ein kinderloses Paar, übertrugen im Jahre 1459 dem Schmiedeamt ihrer Gilde, dem sie angehörten, den Auftrag, ihr eigenes Totengedenken genau nach ihren Plänen zugestalten. Für die damals stattliche Summe von 72 Pfennigen hatte sich das Schmiedeamt am Vorabend des Dienstages nach Michaelis (29. September) in der Nikolaikapelle zu versammeln und am nächsten Tag eine „Totenmesse“ für die noch Lebenden zu halten! Sorge um das Seelenheil und Repräsentation waren die Gründe für solche durchaus üblichen Vorsorgemaßnahmen. Ein heute noch erhaltenes Epitaph mit der Darstellung des Weltgerichtes und den Stifterfiguren Marschalk im Kreuzgang des Doms dokumentiert eindrucksvoll die vorangegangenen Ausführungen.

Ein anderer Aspekt der Vorsorge und Vorbereitung auf den Tod war die Aussöhnung mit zerstrittenen Angehörigen vor dem Empfang des Sterbesakramentes. Alle Zerwürfnisse sollten aufgehoben sein. Der noch bei klarem Verstand sich befindende, in diesem Fall wohlhabende Sterbende versammelte Familie und Freunde in seinem Sterbezimmer und bedachte finanziell in einem ausführlichen und differenzierten Testament auch Beichtvater, Geistliche, Kirchen und Kapellen, Gilden, Hospitäler und Armenhäuser, an seinem Totengedenken mitzuwirken, regelmäßige Gedenkmessen zu halten und die als behördlich anerkannten Armen in genau bezifferter Art und Weise zu speisen. Diese hatten dann im Gegenzug die Verpflichtung, für ihre Wohltäter zu beten. Im Idealfall bestand ein breites und dichtes Netz von Personen, die in den Tod eines Menschen irgendwie eingebunden waren und die Erinnerung an ihn lange Zeit aufrecht erhielten, aber auch davon profitierten.

Auch der letzte Ort des Daseins war den Menschen ein wichtiges Anliegen, das geregelt werden musste. Dabei war natürlich Gemeindezugehörigkeit, der finanzielle Status und die jeweils gültige Begräbnisordnung entscheidende Faktoren, ob der Domfriedhof oder sogar der Herrenfriedhof im Kreuzgang von St. Johann als Ruhestätte in Frage kamen.

Doch was passierte zum Beispiel mit Menschen, die sich selbst umbrachten? Selbstmördern war kein christliches Begräbnis vergönnt. Aber man „sorgte“ auch für sie von oberster Stelle. Der Rat der Stadt ordnete eine offizielle Untersuchung über die Umstände des Todes an. Wenn der Nachweis der Selbsttötung gegeben war, fand der Tote seine Ruhe vor den Toren der Stadt bei den Hingerichteten, Pesttoten und Exkommunizierten.

Die Gestaltung der jährlichen Gedenktage und Seelenmessen führt uns zu einer Vorstellung, die manch einer der älteren Zuhörer vielleicht in Relikten und dann auch nur noch aus den ländlichen, katholisch geprägten Landstrichen des Bistums kennt. So war es laut Queckenstedt in der Osnabrücker Oberschicht durchaus üblich, bei dieser Gelegenheit die „Originalbeerdigung“ jeweils mit Scheinbaren oder Scheinsärgen und großem Aufwand nachzustellen. Der Tote war in diesem Moment wieder „gegenwärtig“, die Erinnerung an ihn unmittelbar präsent.

„Kein Wunder, dass in der Kultur der Begriff einer „Kunst, gut zu sterben“ geprägt wurde, einer ars bene moriendi“, bemerkt Queckenstedt am Schluss seines hochinteressanten Vortrages mit einer gewissen Berechtigung. Bei manch einem der Gäste hinterließen seine Ausführungen nicht nur Erstaunen, sondern auch Nachdenklichkeit auf dem Weg nach Hause, gerade in dieser Zeit nach Allerseelen und vor dem Totensonntag (Ewigkeitssonntag).

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1. Vorsitzender: Henning Sannemann
stellvertr. Vors.: Niels Biewer



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49084 Osnabrück





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Aktualisiert am: 02.09.2009 um 11:56 Uhr
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